Glaubensverlust in Europa – Warum das Christentum an Bedeutung verliert
Warum verliert das Christentum in Europa an Bedeutung? Von Glaubenszweifeln und Kirchenskandalen bis zur Esoterik: Welche Ursachen hat der Glaubensverlust und was bedeutet er für Europas Zukunft?

Europa war über Jahrhunderte eines der wichtigsten Zentren des Christentums. Seine Kathedralen prägen bis heute die Städte, christliche Feiertage bestimmen den Kalender. Doch die Kirchen verlieren ihre Gläubigen. In Frankreich und Großbritannien gehörte 2020 erstmals weniger als die Hälfte der Bevölkerung dem Christentum an. Europaweit sank die Zahl der Christen zwischen 2010 und 2020 um neun Prozent auf rund 505 Millionen (Pew Research Center, How the Global Religious Landscape Changed From 2010 to 2020, 2025).
Die Entwicklung fällt umso stärker auf, weil die katholische Kirche weltweit weiterwächst. Im Oktober 2026 meldete die vatikanische Nachrichtenagentur Fides, dass inzwischen mehr Katholiken in Afrika als in Europa leben (Fides, Die Statistiken der katholischen Kirche 2026).
Wie konnte der christliche Glaube ausgerechnet in Europa so stark an Bedeutung verlieren? Die Gründe reichen von persönlichen Glaubenskrisen über den Wohlstand bis zum Vertrauensverlust gegenüber der Kirche. Zugleich verändert sich, woran die Menschen heute glauben. Während sich einige vollständig von Religion verabschieden, suchen andere Antworten in der Esoterik oder in Weltanschauungen, die eine bessere Zukunft versprechen.

Die Ursachen des europäischen Glaubensverlustes
Wenn Gebete unerhört bleiben: Zweifel an Gott
In einer Untersuchung des Pew Research Center berichtete eine 29-jährige Deutsche von einem Todesfall in ihrer Familie. Damals habe sie gedacht: „Nein, so ist es nicht. So funktioniert das nicht.“ Anschließend sei sie mit dem Glauben fertig gewesen (Pew Research Center, Being Christian in Western Europe, 2018).
Hinter den wenigen Worten der Frau steht eine schmerzhafte Erfahrung. Ein geliebter Mensch stirbt oder das eigene Kind erkrankt schwer. Man betet, hofft auf Gottes Hilfe und muss schließlich erleben, dass die ersehnte Rettung ausbleibt. Weshalb hat Gott das zugelassen? Hat Er das Gebet überhaupt gehört?
Mit diesen Fragen ringt auch Hiob im Alten Testament. Er verliert seinen Besitz, seine Kinder und schließlich seine Gesundheit (Hiob 1–2). Seine Freunde suchen die Ursache in einer verborgenen Schuld. Hiob wehrt sich gegen ihre Vorwürfe und verlangt, mit Gott selbst zu sprechen: „Doch ich will zum Allmächtigen reden, mit Gott zu rechten ist mein Wunsch“ (Hiob 13,3). Am Ende weist Gott die Erklärungen der Freunde zurück (Hiob 42,7). Hiob versteht sein Unglück weiterhin nicht vollständig. Doch selbst in seiner Verzweiflung spricht er noch mit Gott und bleibt Ihm treu.
Für jemanden, der Gott vor allem als Beschützer kennengelernt hat, kann schweres Leid tatsächlich den Glauben erschüttern. Die Vorstellung, Gott werde den Gläubigen vor jedem Unglück bewahren, zerbricht an einer Krankheit oder einem Todesfall. Dabei steht im Mittelpunkt des Christentums Christus selbst, der unschuldig gelitten hat und am Kreuz gestorben ist. Die Auferstehung verheißt den Sieg über den Tod. Sie erspart den Hinterbliebenen jedoch weder ihre Trauer noch die quälende Frage nach dem Warum.
Ob man angesichts solcher Erfahrungen an Gott festhält, hängt auch davon ab, welches Bild von Ihm man im Laufe seines Lebens gewonnen hat. Eine Glaubensverkündigung, die nur von Gottes Hilfe spricht und die Wirklichkeit des Leidens ausspart, lässt den Gläubigen gerade dann allein, wenn er seinen Glauben am dringendsten braucht.
Wohlstand und die Illusion, alles im Griff zu haben
Mangos im Januar, Erdbeeren im Dezember und ein Abendessen, das wenige Minuten nach der Bestellung an der Haustür steht: In Europa ist eine Versorgung selbstverständlich geworden, von der frühere Generationen nur träumen konnten. Lebensmittel werden nach Herkunft, Nährwert und Qualität beurteilt. Dass vor dem Essen ein Tischgebet gesprochen wird, ist dagegen längst keine Selbstverständlichkeit mehr.
Das Problem liegt im Umgang mit dem Wohlstand. Ein voller Kühlschrank kann ebenso Anlass zum Dank sein wie eine bescheidene Mahlzeit. Doch sobald wir alles für das Ergebnis unserer eigenen Leistung halten, gerät leicht in Vergessenheit, wie viel wir empfangen haben.
Mose warnte das Volk Israel ausdrücklich vor dieser Versuchung. Nach dem Einzug in das Gelobte Land würden die Israeliten Häuser bauen, satt werden und ihren Besitz vermehren. Dann könnten sie sich einreden: „Ich habe mir diesen Reichtum aus eigener Kraft und mit eigener Hand erworben“ (Dtn 8,17).
Auch Christus erzählt von einem reichen Mann, dessen Felder eine so gute Ernte hervorbringen, dass er größere Scheunen bauen will. Endlich, glaubt er, könne er sich ausruhen und das Leben genießen. Doch Gott antwortet ihm: „Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann das gehören, was du angehäuft hast“ (Lk 12,20). Der reiche Mann hat seine Zukunft sorgfältig geplant. Seinen eigenen Tod hat er dabei vergessen. Er besitzt genügend Vorräte für viele Jahre, kann sich aber keine einzige Stunde seines Lebens kaufen.
Paulus bringt die christliche Sicht auf unseren Besitz mit einer Frage auf den Punkt: „Und was hast du, das du nicht empfangen hättest?“ (1 Kor 4,7). Selbst unsere Begabungen und die Kraft, mit der wir arbeiten, haben wir uns nicht selbst gegeben.
Wohlstand macht den Glauben daher nicht überflüssig. Er kann jedoch die Illusion fördern, wir hätten unser Leben vollständig in der Hand. Wo alles verfügbar erscheint, wird auch der Dank an Gott leicht vergessen.
Wissenschaft und Fortschritt: Wird Gott überflüssig?
Als Charles Darwin 1859 seine Evolutionstheorie veröffentlichte, erschütterte er eine Vorstellung, die das europäische Denken lange geprägt hatte: dass die Lebewesen in ihrer heutigen Gestalt unmittelbar von Gott geschaffen worden seien. Darwin erklärte die Entwicklung der Arten durch natürliche Selektion. Damit bot die Wissenschaft eine Erklärung für die Vielfalt des Lebens, die ohne einen unmittelbaren göttlichen Eingriff auskam.
Auch in anderen Bereichen veränderte sich das Weltbild. Krankheiten, die früher als göttliche Strafe gedeutet wurden, ließen sich durch Krankheitserreger erklären. Gewitter und Erdbeben verloren ihren Charakter als vermeintliche Zeichen göttlichen Zorns. Die Naturwissenschaften konnten immer mehr Vorgänge beschreiben, für die zuvor religiöse Erklärungen herangezogen worden waren.
Im 19. Jahrhundert griffen Denker wie Ludwig Feuerbach die wissenschaftliche Entwicklung auf. In seinem Werk Das Wesen des Christentums (1841) vertrat Feuerbach die Auffassung, dass Gott eine Projektion menschlicher Wünsche und Bedürfnisse sei. Der Glaube erschien ihm damit als etwas, das der Mensch selbst hervorgebracht hatte. Solche religionskritischen Ideen fanden im zunehmend säkularen Europa einen fruchtbaren Boden.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts prägte dieses Denken auch den Alltag. Für die Behandlung einer Krankheit ging man zum Arzt, bei Fragen zur Entstehung der Welt wandte man sich an die Wissenschaft. Zugleich verlor die Kirche ihren früheren Einfluss auf Bildung und öffentliches Leben. Besonders dort, wo der Glaube vor allem als Erklärung für unverstandene Naturereignisse vermittelt worden war, erschien Gott zunehmend überflüssig.
So trug der wissenschaftliche Fortschritt zum europäischen Glaubensverlust bei. Die Erfolge der Forschung machten den Atheismus zwar nicht zur zwingenden Schlussfolgerung. Sie stärkten jedoch ein Weltbild, in dem die Natur ohne Rückgriff auf Gott erklärt werden konnte. Für einen wachsenden Teil der europäischen Bevölkerung wurde Religion dadurch zu einer persönlichen Überzeugung, auf die man im Alltag verzichten zu können glaubte. Das Verhältnis von Glauben und Vernunft wurde zunehmend als Gegensatz verstanden, obwohl die katholische Theologie beide seit Jahrhunderten miteinander verbindet.
Kirchenskandale und der Verlust religiöser Traditionen
Die Missbrauchsskandale haben der Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche schweren Schaden zugefügt. Die 2018 veröffentlichte MHG-Studie untersuchte Personalakten aus den deutschen Bistümern für den Zeitraum von 1946 bis 2014. Sie dokumentierte Hinweise auf 3.677 minderjährige Betroffene sexuellen Missbrauchs und 1.670 beschuldigte Kleriker. Die Forschenden wiesen zugleich darauf hin, dass die tatsächlichen Zahlen höher liegen dürften (MHG-Forschungsverbund, Sexueller Missbrauch an Minderjährigen, 2018).
Hinter diesen Zahlen stehen Kinder und Jugendliche, die von Priestern oder anderen kirchlichen Amtsträgern sexuell missbraucht wurden. Hinzu kam das Versagen von Verantwortlichen, die Täter schützten oder deren Verbrechen vertuschten.
Christus spricht über diejenigen, die einen der Kleinen zum Bösen verführen: „Wer einem von diesen Kleinen, die an mich glauben, Ärgernis gibt, für den wäre es besser, wenn ihm ein Mühlstein um den Hals gehängt und er in der Tiefe des Meeres versenkt würde“ (Mt 18,6). Die Worte lassen keinen Raum für eine Verharmlosung solcher Verbrechen.
Für Betroffene und ihre Angehörigen kann die Kirche dadurch zu einem Ort geworden sein, mit dem sie Angst und Schmerz verbinden. Andere Gläubige verloren das Vertrauen in ihre Priester oder Bischöfe. Das Versagen der Verantwortlichen traf damit auch die Verkündigung des Evangeliums.
Wie groß die Folgen für die religiöse Bindung sind, zeigen Untersuchungen des Pew Research Center. Unter den befragten Westeuropäern, die ihre frühere Religionszugehörigkeit aufgegeben hatten, nannten im regionalen Median 53 Prozent Skandale religiöser Einrichtungen oder ihrer Verantwortlichen als wichtigen Grund. In Spanien waren es 74 Prozent (Pew Research Center, Being Christian in Western Europe, 2018).
Daneben spielen Glaubenszweifel und Konflikte mit kirchlichen Lehren eine Rolle. In Fragen der Abtreibung oder der Sexualmoral unterscheiden sich die Überzeugungen vieler Europäer deutlich von der katholischen Lehre. Die Pew-Studie zeigt außerdem, dass sich die meisten ehemals religiös gebundenen Befragten wegen eigener kirchlicher Aussagen allmählich von der Religion entfernt haben.
Der Glaubensverlust zeigt sich auch innerhalb der Familien. Eltern lassen ihre Kinder noch taufen und zur Erstkommunion gehen, obwohl sie selbst längst keinen Gottesdienst mehr besuchen. Die Sakramente gehören für sie weiterhin zur Familientradition. Was die Taufe bedeutet oder weshalb die Eucharistie im Mittelpunkt des katholischen Glaubens steht, können sie ihren Kindern jedoch oft nur schwer erklären.
Damit verändert sich die religiöse Erziehung von Generation zu Generation. Kinder lernen den Glauben hauptsächlich im Religionsunterricht oder in der Erstkommunionvorbereitung kennen. Zu Hause erleben sie weder das gemeinsame Gebet noch den regelmäßigen Besuch der heiligen Messe. Wenn die Vorbereitung auf die Erstkommunion abgeschlossen ist, fehlt häufig jeder weitere Kontakt zur Kirche. Aus einer noch bestehenden Familientradition wird so allmählich eine Erinnerung an etwas, das die Großeltern einmal gelebt haben.

Ein Kontinent auf der Suche nach neuen Antworten
Religionslosigkeit: Aufwachsen ohne Gott
Der christliche Glaube verliert in Europa vor allem an Menschen, die keiner Religion mehr angehören möchten. Zwischen 2010 und 2020 stieg die Zahl der religiös Ungebundenen um 37 Prozent auf rund 190 Millionen. Damit bezeichnete sich bereits jeder vierte Europäer als religionslos (Pew Research Center, How the Global Religious Landscape Changed From 2010 to 2020, 2025).
Für einen großen Teil dieser Menschen hat Religion schlicht keine Bedeutung mehr. Sie besuchen keine Gottesdienste, beten nicht und erwarten von der Kirche keine Antworten auf ihre Lebensfragen. Eine Untersuchung des Pew Research Center aus dem Jahr 2018 ergab, dass die Mehrheit der religiös ungebundenen Westeuropäer auch den Glauben an eine höhere Macht ablehnt (Pew Research Center, Being Christian in Western Europe, 2018).
Das ist eine tiefgreifende Veränderung gegenüber früheren Generationen. Der Glaube an Gott war lange ein selbstverständlicher Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens. Selbst Menschen, die selten eine Kirche besuchten, wussten sich einer christlichen Gemeinschaft zugehörig. Heute wachsen Kinder in Familien auf, in denen die Frage nach Gott überhaupt keine Rolle spielt. Für sie ist das Christentum zunächst eine Religion unter vielen, die sie aus dem Schulunterricht oder aus der Geschichte kennen.
Schenken Sie Berufungen eine Zukunft
Die Priesterausbildungshilfe fördert die Ausbildung von Priestern – besonders dort, wo die Mittel knapp sind. Jede Spende kommt direkt der Ausbildung zugute.
Damit verliert die Kirche auch den Zugang zu den Menschen, die sich nie bewusst gegen den Glauben entschieden haben. Sie müssen keine christliche Überzeugung aufgeben, weil sie diese von ihren Eltern gar nicht erst übernommen haben. Sie besitzen aber auch kein Grundwissen, auf dem man die Vertiefung bauen könnte. Der Glaubensverlust setzt sich dadurch über Generationen fort.
Horoskope, Hexerei und die neue Faszination für Magie
Doch nicht alle Europäer, die sich vom Christentum entfernen, verabschieden sich auch vom Übernatürlichen. Manche glauben weiterhin an Gott, lehnen jedoch die christliche Offenbarung ab. Andere vertrauen auf eine unbestimmte höhere Macht oder sprechen davon, dass das Universum ihre Wünsche erfüllen könne.
Wie verbreitet solche Vorstellungen sind, zeigt auch eine Untersuchung des Pew Research Center von 2018. In Deutschland glaubten 28 Prozent der Befragten an Gott, wie Ihn die Bibel beschreibt. Dagegen bekannten sich 38 Prozent zu einer anderen höheren Macht oder geistigen Kraft. Weitere 26 Prozent lehnten jede solche Macht ab (Pew Research Center, Being Christian in Western Europe, 2018).
Was bedeutet es, wenn Menschen zwar nicht an den Gott der Bibel glauben, aber weiterhin von übernatürlichen Kräften ausgehen? Häufig entsteht ein Glaube, dessen Inhalt sich nach den persönlichen Bedürfnissen richtet. Eine höhere Macht soll Kraft geben, Trost spenden oder Wünsche erfüllen. Verbindliche Glaubenslehren und moralische Gebote werden dafür nicht benötigt.
Besonders deutlich zeigt sich diese Entwicklung in der Esoterik. Horoskope versprechen Auskunft über die Zukunft, Tarotkarten sollen bei persönlichen Entscheidungen helfen. In sozialen Netzwerken verbreiten sich unter dem Schlagwort WitchTok Videos über Hexerei und magische Rituale. Was einst als Aberglaube galt, wird dort als Möglichkeit dargestellt, das eigene Leben durch verborgene Kräfte zu beeinflussen.
Das Interesse an solchen Praktiken ist messbar. In fünfzehn untersuchten westeuropäischen Ländern glaubten 2018 im Median 23 Prozent der Befragten an einen Einfluss der Sterne auf das menschliche Leben. Zwanzig Prozent glaubten an Wiedergeburt, 34 Prozent an ein vorherbestimmtes Schicksal (Pew Research Center, Being Christian in Western Europe, 2018).
Warum vertrauen Menschen einem Horoskop, während sie das christliche Gebet für wirkungslos halten? Ein möglicher Grund liegt in den unterschiedlichen Erwartungen. Der Christ bittet Gott um Hilfe und betet zugleich: „Dein Wille geschehe“ (Mt 6,10). Er erkennt an, dass Gottes Handeln seinem eigenen Willen entzogen bleibt. Magische Praktiken versprechen dagegen, durch bestimmte Rituale ein gewünschtes Ergebnis herbeizuführen. Nur durch den eigenen Willen quasi.
Die Heilige Schrift verurteilt deshalb Wahrsagerei und Zauberei ausdrücklich (Dtn 18,10–12). Der christliche Glaube verlangt Vertrauen auf einen persönlichen Gott. Magische Vorstellungen machen übernatürliche Kräfte dagegen häufig zu etwas, das der Mensch für seine eigenen Zwecke einsetzen könnte.
Es zeigt sich eine bemerkenswerte Folge des europäischen Glaubensverlustes: Während der Glaube an den christlichen Gott zurückgeht, bleiben andere übernatürliche Vorstellungen bestehen. Sie ersetzen das Christentum allerdings nur für einen Teil der Bevölkerung. Die Mehrheit der religionslosen Europäer lehnt auch diese Überzeugungen ab.
Politische Ideologien und ihre Heilsversprechen
Religion hat das europäische Leben über Jahrhunderte auch deshalb geprägt, weil sie eine verbindliche Vorstellung vom Menschen und seiner Bestimmung vermittelte. Mit dem Rückgang des Christentums verlieren solche religiösen Maßstäbe ihren früheren gesellschaftlichen Einfluss. Die Frage, woran sich das menschliche Leben orientieren soll, bleibt jedoch bestehen.
Bereits im 19. Jahrhundert verband Karl Marx seine Religionskritik mit der Hoffnung auf eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft. Religion bezeichnete er als „Opium des Volks“ (Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung, 1844). Das menschliche Elend sollte durch die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse überwunden werden. Die klassenlose Gesellschaft wurde zum Ziel einer geschichtlichen Befreiung.
Im sowjetischen Kommunismus entwickelte sich daraus ein umfassender weltanschaulicher Anspruch. Die Partei bestimmte, welche Überzeugungen öffentlich vertreten werden durften. Religiöse Gemeinschaften wurden verfolgt, während politische Führer Gegenstand staatlich organisierter Verehrung wurden. Noch heute liegt Lenins einbalsamierter Leichnam in einem Mausoleum auf dem Roten Platz in Moskau.
Der Philosoph Eric Voegelin beschäftigte sich 1938 mit solchen Erscheinungen in seinem Werk Die politischen Religionen. Er untersuchte, wie politische Bewegungen religiöse Vorstellungen aufgreifen und ihren Zielen eine Bedeutung verleihen, die über gewöhnliche politische Forderungen hinausgeht.
Auch in der Gegenwart können Weltanschauungen einen umfassenden Anspruch auf die Deutung des Menschen erheben. Besonders deutlich werden solche Konflikte bei Fragen nach seiner Natur und Identität. Die katholische Kirche versteht den Menschen als Geschöpf Gottes. Seine Würde gründet nach christlichem Verständnis darin, dass er nach Gottes Bild geschaffen ist (Gen 1,27).
Bestimmte moderne Theorien setzen andere Voraussetzungen. So erklärte Simone de Beauvoir 1949: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“ (Simone de Beauvoir, Le Deuxième Sexe, 1949; eigene Übersetzung). Spätere gendertheoretische Ansätze stellten auch die Vorstellung einer natürlich vorgegebenen Geschlechtsidentität infrage. Damit widersprechen sie in wesentlichen Punkten der christlichen Anthropologie.
Ein solcher Widerspruch macht eine Theorie für sich genommen noch nicht zur Religion. Entscheidend ist, ob eine Weltanschauung darüber hinaus beansprucht, den Menschen vollständig erklären und seine endgültige Befreiung herbeiführen zu können. An diesem Punkt nämlich beginnt die Frage nach politischen Ersatzreligionen.
Für den europäischen Glaubensverlust ist dabei eine Unterscheidung wichtig: Politische Ideologien haben das Christentum nicht einfach als neue Mehrheitsreligion abgelöst. Sie zeigen vielmehr, dass nach dem Rückgang kirchlicher Autorität andere Überzeugungen den Anspruch erheben können, verbindlich über das Menschenbild und die gesellschaftliche Ordnung zu bestimmen.
Die Zukunft des Christentums: Warum Europa eine Ausnahme ist
Die Entwicklung Europas erscheint besonders auffällig, wenn man sie mit anderen Teilen der Welt vergleicht. Zwischen 2010 und 2020 sank die Zahl der Christen in Europa um neun Prozent. Im selben Zeitraum wuchs die christliche Bevölkerung südlich der Sahara um 31 Prozent auf rund 697 Millionen (Pew Research Center, How the Global Religious Landscape Changed From 2010 to 2020, 2025).
Ein erheblicher Teil dieses Wachstums erklärt sich durch die jüngere Bevölkerung und die höheren Geburtenzahlen afrikanischer Länder. Dennoch zeigt der Vergleich, dass die Abkehr vom Christentum keine Entwicklung ist, die sich überall in gleicher Weise vollzieht.
Dass sich die Schwerpunkte des Christentums verändern, gehört zu seiner Geschichte. Augustinus war Bischof von Hippo im heutigen Algerien, wo das Christentum einst blühte und später einen großen Teil seiner früheren Verbreitung verlor. Äthiopien besaß bereits im vierten Jahrhundert eine christliche Kirche, als große Teile Europas noch nicht christianisiert waren.
Europa hat über Jahrhunderte Missionare in andere Kontinente entsandt. Heute kommen Priester aus Afrika und Asien nach Deutschland, um hier in Pfarreien zu wirken. Die Richtung der Mission hat sich damit in mancher Hinsicht umgekehrt.
Für Europa stellt sich deshalb eine andere Frage: Wie soll der christliche Glaube künftig weitergegeben werden, wenn immer weniger Kinder ihn im Elternhaus kennenlernen? Die Kirche kann sich nicht darauf verlassen, dass Menschen allein aufgrund ihrer Herkunft Christen bleiben. Sie begegnet zunehmend einer Bevölkerung, für die selbst grundlegende Aussagen des Evangeliums fremd geworden sind.
Doch damit stellt sich auch eine Frage an die europäische Gesellschaft selbst: Haben wir den christlichen Glauben nach reiflicher Überlegung verworfen? Oder haben wir uns so sehr an ein Leben ohne Gott gewöhnt, dass wir uns diese Frage gar nicht mehr stellen?

Hat Europa Gott vergessen?
Friedrich Nietzsche erzählte in seiner Fröhlichen Wissenschaft von einem Mann, der am helllichten Vormittag mit einer Laterne über den Marktplatz lief und nach Gott suchte. Die Umstehenden, die längst nicht mehr an Gott glaubten, lachten ihn aus. Da rief er ihnen entgegen: „Gott ist todt! Gott bleibt todt! Und wir haben ihn getödtet!“ (Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft, § 125).
Das Gelächter ist vielleicht das Beunruhigendste an dieser Geschichte. Die Menschen hielten die Frage nach Gott bereits für erledigt. Nietzsche hingegen erkannte, dass mit dem Verlust des Glaubens auch die bisherigen Grundlagen europäischer Wertvorstellungen ins Wanken geraten werden.
Und heute? Wir haben gelernt, Krankheiten zu behandeln, unseren Wohlstand zu vermehren und unser Leben möglichst unabhängig zu gestalten. Doch was geschieht, wenn unsere Sicherheiten versagen? Wenn ein geliebter Mensch stirbt, wenn wir selbst schuldig werden oder wenn uns der Gedanke an den eigenen Tod einholt? Dann stehen Fragen im Raum, die weder ein gut gefülltes Bankkonto noch wissenschaftliche Erkenntnisse allein beantworten vermögen.
Die Kirche hat durch ihr eigenes Versagen viel Vertrauen zerstört. Das lässt sich nicht beschönigen. Aber die Verbrechen von Geistlichen entscheiden ebenso wenig über die Wahrheit des Evangeliums wie die Fehler eines Arztes über die Wahrheit der Medizin. Wer das Christentum ablehnt, sollte sich zumindest mit dem auseinandersetzen, was Christus tatsächlich gelehrt hat.
Er stellte eine Frage, die auch ein wohlhabendes Europa herausfordert: „Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt?“ (Mk 8,36).
Wir haben viel gewonnen. Doch haben wir dabei etwas verloren, dessen Wert wir erst erkennen, wenn es fehlt?
Europa hat den Glauben an Gott über Jahrhunderte gelebt und weitergegeben. Heute kommen viele ganz selbstverständlich ohne Ihn aus. Aber was, wenn gerade diese Selbstverständlichkeit uns daran hindert, überhaupt noch nach Ihm zu fragen?
Über Lukasz Holfeld
Redakteur / Autor bei der Priesterausbildungshilfe.
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