Heiliger Leonhard von Limoges - Patron der Gefangenen und Tiere
Am 6. November gedenkt die Kirche des heiligen Leonhard von Limoges. Doch warum wird der einstige Helfer der Gefangenen heute als Schutzpatron der Pferde verehrt? Seine Geschichte erklärt die Herkunft der Leonhardiritte.

Anfang November begegnet man vielerorts in Oberbayern Pferden mit geflochtenen Mähnen und bunten Bändern im Schweif, dahinter bemalten Truhenwagen voller Frauen in Tracht. Es ist Leonhardi, das Fest des heiligen Leonhard von Limoges, dessen wir am 6. November gedenken. In Bayern und Österreich hängen die Menschen so sehr an ihm, dass man ihn früher den „Bauernherrgott“ nannte. Bei den Leonhardiritten und Leonhardifahrten bitten Bauern und Reiter bis heute um Gottes Segen für ihre Tiere.
Auf alten Leonhardsfiguren in unseren Kirchen hält der Heilige oft eine schwere Kette in der Hand. Mit Pferden hatte sie ursprünglich nichts zu tun. Sie erinnert aber an Gefangene, die durch Leonhard freikamen und denen er danach half, ein neues Leben anzufangen. Wie aus diesem Helfer der Gefangenen der Schutzpatron der Pferde wurde, ist eine verschlungene Geschichte, die am Hof der Merowinger beginnt.

Das Leben des heiligen Leonhard von Limoges
Was wissen wir über seine Herkunft und Jugend?
Leonhard soll um das Jahr 500 in einer fränkischen Adelsfamilie zur Welt gekommen sein. Seine Eltern verkehrten am Hof der Merowinger. Der Legende nach war König Chlodwig I sein Taufpate. Getauft hat ihn der heilige Remigius von Reims, derselbe Bischof, der einige Jahre zuvor auch Chlodwig getauft hatte. Bei ihm lernte Leonhard den christlichen Glauben kennen.
Wie viel davon tatsächlich geschehen ist, lässt sich heute schwer feststellen. Die ausführliche Lebensbeschreibung Leonhards entstand erst im 11. Jahrhundert, rund 500 Jahre nach seinem überlieferten Tod um 559. Einzelne Angaben widersprechen sich sogar. Chlodwig starb beispielsweise bereits 511, als Leonhard nach der traditionellen Datierung noch sehr jung gewesen wäre. Die späteren Erzählungen über seine Tätigkeit am Königshof lassen sich daher historisch nicht ohne Weiteres einordnen.
Die Legenden bewahren allerdings eine alte Verehrung, in deren Mittelpunkt vor allem Leonhards Sorge um Gefangene und Hilfsbedürftige steht.
Warum wurde der heilige Leonhard Einsiedler?
Leonhard hätte am Königshof ein angenehmes Leben führen können. Seine Familie war angesehen, und durch seine Verbindung zum König standen ihm zahlreiche Türen offen. Chlodwig soll ihm sogar ein Bischofsamt angeboten haben. Doch Leonhard lehnte ab und blieb Diakon. Er verließ den Hof und trat zunächst in das Kloster Micy bei Orléans ein. Später zog er sich in die Wälder bei Limoges zurück, wo er als Einsiedler lebte.
Leonhard wollte sein Leben ganz Gott widmen. Ein Einsiedlerleben bedeutete damals einen weitgehenden Verzicht auf Besitz und gesellschaftliche Anerkennung. Der Tagesablauf war von Gebet, Handarbeit und der betenden Lesung der Heiligen Schrift geprägt. In der Stille suchten die Einsiedler nur Gott allein.
Abgeschottet lebte Leonhard dennoch nicht. Hilfsbedürftige suchten ihn auf, und er soll Kranke gepflegt und das Evangelium verkündet haben.
Die Legende des heiligen Leonhard: Wie er die Königin rettete
Eine der bekanntesten Legenden erzählt von einer königlichen Jagd in den Wäldern bei Limoges. Der König war mit seinem Gefolge unterwegs, begleitet von seiner schwangeren Frau. Plötzlich setzten bei der Königin die Wehen ein. Die Geburt verlief so schwer, dass die Begleiter um das Leben der Mutter und ihres Kindes fürchteten. Mitten im Wald war ärztliche Hilfe nur schwer zu bekommen.
Schließlich erinnerte sich jemand an den Einsiedler Leonhard, der ganz in der Nähe lebte. Eilig wurde er herbeigerufen. Leonhard kniete nieder und betete für die Königin. Kurz darauf brachte sie einen gesunden Sohn zur Welt. Aufgrund der Erzählung wird Leonhard bis heute auch als Patron der Schwangeren und Gebärenden angerufen.
Der erleichterte König wollte sich erkenntlich zeigen und bot Leonhard Gold und Silber an. Doch der Einsiedler hatte einen anderen Wunsch. Er bat um so viel Wald, wie er auf seinem Esel in einer einzigen Nacht umreiten konnte. Der König willigte ein.
Auf diesem Stück Land soll Leonhard später die Gemeinschaft von Noblat gegründet haben. Aus der kleinen Niederlassung ging der Wallfahrtsort Saint-Léonard-de-Noblat hervor. Dort starb Leonhard der Überlieferung nach an einem 6. November.

Warum ist der heilige Leonhard Patron der Gefangenen und Tiere?
Wie Leonhard Gefangenen zur Freiheit verhalf
Besonders am Herzen lagen Leonhard die Gefangenen. Kerkerhaft bedeutete im frühen Mittelalter großes Leid. Eingesperrt wurden damals beispielsweise Kriegsgefangene, Schuldner oder Angeklagte, die auf ihr Urteil warteten. Dunkle Kerker, schlechte Versorgung und schwere Fesseln machten die Gefangenschaft zu einer qualvollen Erfahrung. Die Freilassung hing oft allein von der Entscheidung eines Herrschers ab.
Als Patenkind des Königs hatte Leonhard nach der Legende Zugang zum Königshof. Diesen Einfluss nutzte er, um für Gefangene um Gnade zu bitten. Chlodwig soll ihm sogar zugesagt haben, jeden Gefangenen freizulassen, den Leonhard besuchte. Andere Erzählungen berichten, dass Gefangene Leonhard um Hilfe anriefen und ihnen daraufhin die Fesseln auf wundersame Weise abfielen.
Seine Verehrung als Befreier der Gefangenen verbreitete sich im Mittelalter weit über Frankreich hinaus. Der Kreuzfahrerfürst Bohemund von Antiochia brachte seine Befreiung aus muslimischer Gefangenschaft im Jahr 1103 mit der Fürsprache Leonhards in Verbindung. Im Jahr 1106 pilgerte er zum Grab des Heiligen nach Noblat. Solche Berichte trugen dazu bei, dass Leonhard in weiten Teilen Europas bekannt wurde.
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Doch weshalb setzte sich Leonhard ausgerechnet für Gefangene ein? Die Antwort finden wir im Evangelium. In Seiner Rede vom Weltgericht sagt Christus: „Ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen“ (Mt 25,36). Wenige Verse später erklärt Er: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Mt 25,40).
Der Besuch der Gefangenen gehört deshalb zu den sieben leiblichen Werken der Barmherzigkeit. In der traditionellen Aufzählung ist sogar davon die Rede, Gefangene zu erlösen. Christus fordert Seine Jünger auf, auch diejenigen nicht aufzugeben, die durch eigene Schuld in Not geraten sind. Eine gerechte Strafe kann notwendig sein. Die Schuld eines Einzelnen hebt jedoch seine Würde vor Gott nicht auf. Auch ein Verurteilter bleibt zur Umkehr berufen und darf im Sakrament der Buße Gottes Vergebung empfangen.
Leonhard nahm diesen Auftrag sehr ernst. Er besuchte Gefangene und setzte sich persönlich für sie ein. Mit ihrer Freilassung aber endete seine Hilfe nicht.
Wie Leonhard ehemaligen Gefangenen einen Neuanfang ermöglichte
Mit der Freiheit allein war einem ehemaligen Gefangenen wenig geholfen, wenn er anschließend weder eine Unterkunft noch Arbeit fand. Gerade im frühen Mittelalter konnte das schnell zur nächsten Notlage führen.
Die Überlieferung berichtet, dass Leonhard deshalb ehemalige Gefangene in seine Gemeinschaft von Noblat aufnahm. Dort half er ihnen, ein Handwerk zu erlernen und ihren Lebensunterhalt durch eigene Arbeit zu verdienen. Einige sollen auch bei der Rodung des Waldes geholfen und das gewonnene Land bewirtschaftet haben. So hatten sie eine Aufgabe und einen Menschen an ihrer Seite, der ihnen zutraute, ihr Leben zu ändern.
Darin spiegelt sich, wie Gott selbst dem Sünder begegnet. Die Umkehr ist zuerst ein Geschenk Gottes, der den Sünder zur Versöhnung mit sich ruft. Christus selbst sagt: „Ich bin nicht gekommen, um Gerechte, sondern Sünder zur Umkehr zu rufen“ (Lk 5,32).
Zur Umkehr gehört allerdings auch die Bereitschaft, das eigene Leben zu ändern und begangenes Unrecht nach Möglichkeit wiedergutzumachen. Das zeigt uns besonders die Geschichte des Zöllners Zachäus. Nach seiner Begegnung mit Christus verspricht er, die Hälfte seines Vermögens den Armen zu geben und unrechtmäßig erworbenes Geld vierfach zurückzuerstatten (Lk 19,8).
Auch Leonhards Hilfe zielte auf eine solche Veränderung. Er nahm die Schuld der Freigelassenen ernst und eröffnete ihnen zugleich einen Weg in ein neues Leben.
Warum wurde Leonhard mit seiner Kette zum Schutzpatron der Pferde?
Heute ist Leonhard vor allem als Schutzpatron der Pferde und des Viehs bekannt. Diese Verehrung entstand erst im Laufe der Jahrhunderte, und ihren Ursprung hat sie in der Kette, mit der der Heilige dargestellt wird. Nach der Legende brachten befreite Gefangene ihre abgelegten Fesseln als Dankesgaben zu Leonhard. So wurde die Kette zu seinem wichtigsten Erkennungszeichen. Später erkannten Bauern darin die Ketten wieder, mit denen sie ihre Tiere im Stall anbanden. Besonders in Süddeutschland begann man, Leonhard als Schutzpatron der Nutztiere anzurufen.
Wie tief diese Verehrung im bäuerlichen Leben verwurzelt war, zeigen die sogenannten Kettenkirchen. Noch heute sind beispielsweise die Leonhardskirchen in Aigen am Inn und Ganacker bei Pilsting von eisernen Ketten umgeben. Bauern brachten außerdem kleine eiserne Pferde und Rinder als Votivgaben dar, wenn sie um Hilfe für ein krankes Tier baten oder für dessen Genesung danken wollten. Ein bedeutendes Zentrum dieser Volksfrömmigkeit war die Leonhardswallfahrt im bayerischen Inchenhofen.
Leonhardiritte und Leonhardifahrten rund um den 6. November
Rund um den 6. November finden vielerorts Leonhardiritte statt. Besonders bekannt ist die Tölzer Leonhardifahrt mit ihren prächtig bemalten Truhenwagen. Nach dem Festgottesdienst ziehen Reiter und Gespanne zur Segnung. Der Priester besprengt Ross und Reiter mit Weihwasser und bittet Gott um Seinen Schutz.
Für eine Bauernfamilie früherer Jahrhunderte war die Gesundheit ihrer Tiere von großer Bedeutung. Erkrankte ein Pferd, fehlte möglicherweise die Kraft zum Pflügen. Starb eine Kuh, konnte das die Versorgung der ganzen Familie gefährden. Deshalb vertrauten die Bauern ihre Tiere der Fürsprache des heiligen Leonhard an.
Die Sorge um die Tiere gehört auch zum biblischen Verständnis der Schöpfung. Im Buch der Sprichwörter heißt es: „Der Gerechte weiß, was sein Vieh braucht“ (Spr 12,10). Gott hat uns die Tiere anvertraut. Wir tragen Verantwortung für ihre Versorgung und ihr Wohlergehen. Bei den Leonhardiritten bitten die Gläubigen darum, der Verantwortung unter Gottes Schutz gerecht werden zu können.

Woran der heilige Leonhard uns heute erinnert
Leonhards Gedenktag ruft uns ein Werk der Barmherzigkeit ins Gedächtnis, das im Alltag besonders leicht vergessen wird: die Gefangenen zu besuchen. Bis heute übernehmen vor allem Priester, Diakone, Ordensleute und ehrenamtliche Helfer diesen Dienst in den Gefängnissen. Sie besuchen die Inhaftierten, hören ihnen zu und beten mit ihnen. Priester feiern dort auch die heilige Messe und spenden das Sakrament der Versöhnung. Für nicht wenige Gefangene sind diese Besuche der einzige regelmäßige Kontakt zur Außenwelt.
Jesus selbst verkündet in der Synagoge von Nazaret, dass Er gesandt wurde, „damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde“ (Lk 4,18). Leonhard hat sich dieses Wort zu eigen gemacht. Er setzte sich für ihre Befreiung ein und half ihnen anschließend, durch Arbeit und ein geregeltes Leben wieder Fuß zu fassen. Denn die Freiheit allein genügte nicht. Man muss auch lernen, mit ihr umzugehen.
Gottes Barmherzigkeit endet nicht an einer Gefängnistür. Auch nach schwerer Schuld bleibt ein neues Leben möglich: „Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden“ (2 Kor 5,17). Dies gilt jedem, der sich mit Gott versöhnen lässt. Es ist genau diese Hoffnung, die Leonhard den Gefangenen durch seine Hilfe eröffnete.
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