Die Kirche verkündet das Reich Gottes – oder niemand tut es
Die Kirche in Deutschland spricht häufig über Politik, während ihr eigener Auftrag immer undeutlicher wird. Der Beitrag zeigt, weshalb die Verkündigung des Reiches Gottes und die Hinführung zu Christus wieder ins Zentrum gehören.
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Am 9. September 2026 sprach Heiner Wilmer beim Jahresempfang der deutschen Bischöfe über den Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt. Die Kirche werde widersprechen, erklärte der Vorsitzende der Bischofskonferenz, „wenn Angst gegen Solidarität ausgespielt wird“, Menschen gegeneinander in Stellung gebracht und demokratische Institutionen geschwächt würden. Einen Tag später stellte er der AfD „Menschenwürde, Nächstenliebe und Demokratie“ entgegen (Deutsche Presse-Agentur: „Bischof Wilmer befürchtet antikirchliche Maßnahmen der AfD“, in: Welt, 10. September 2026).
An der Ablehnung völkischen Denkens muss ein katholischer Beitrag keinen Anstoß nehmen. Trotzdem bleibt man an dieser Wortwahl hängen. Menschenwürde, Nächstenliebe und Demokratie stehen da nebeneinander, als gehörten sie zusammen. Das tun sie aber nicht. Während Menschenwürde und Nächstenliebe in die Mitte der christlichen Verkündigung gehören, bezeichnet Demokratie eine politische Ordnung. Die Würde des Menschen gründet in seiner Erschaffung durch Gott. Die Nächstenliebe ist ein Gebot Christi. Die Demokratie hingegen bleibt eine Staatsform, von Menschen geschaffen. Sie kann Freiheit schützen und Macht begrenzen, bleibt aber als Werk von Menschen fehlbar. Wenn alle drei Begriffe also in einem Atemzug genannt werden, verschwimmt ihr Unterschied sofort.
Hinter dieser vermeidbaren, scheinbar kleinen Verschiebung steckt ein größeres Problem. Die Kirche, und das besonders in Deutschland, spricht öffentlich viel darüber, wie diese Welt politisch gestaltet werden soll. Weitaus seltener hört man, wofür sie allein gesandt wurde: das Reich Gottes zu verkünden, zur damit verbundenen Umkehr zu rufen und letztendlich zu Christus hinzuführen.

Mittelpunkt des Christentums
Das Reich Gottes stand im Mittelpunkt der Verkündigung Jesu. „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ So beginnt nach Markus Sein Weg durch Galiläa (Mk 1,15).
Was ist eigentlich gemeint, wenn Jesus vom Reich Gottes spricht? Schon das Wort führt leicht in die falsche Richtung. Wir denken an ein begrenztes Gebiet, vielleicht auch an eine Regierung. Im Evangelium geht es um die Herrschaft Gottes, die mit Christus in die Welt kommt. Gott wendet sich dem Menschen zu und ruft ihn zurück in die Gemeinschaft mit Sich. Er greift nach dem Menschen, den Er geschaffen hat. Und Gott fordert zurück, was Sein ist: unser Leben. Denn unser, ja jedes Leben stammt von Ihm und soll wieder auf Ihn ausgerichtet werden. Die Zeit ist erfüllt, weil Gott selbst auf den Menschen zukommt. Seine Herrschaft ist nahe, weil Christus da ist. Deshalb folgt auf die Ankündigung des Reiches sofort der Ruf: „Kehrt um.“ Darin liegt der Ernst dieser Botschaft.
Das Reich Gottes ist bei Jesus keine allgemeine Hoffnung auf bessere Verhältnisse. Es verlangt eine Antwort. Wer Seine Botschaft hört, soll die eigene Richtung prüfen und dort umkehren, wo sie von Gott wegführt. Man muss anerkennen, dass man sich nicht selbst gehört und das Gute nicht nach Bedarf festlegen kann. Auch die eigene Schuld verschwindet nicht dadurch, dass man eine verständliche Erklärung für sie findet. Der Mensch braucht wirkliche Vergebung.
Es zeigt sich bereits hier, weshalb das Reich Gottes nie in einer Staatsform aufgehen kann. Politik ordnet das gemeinsame Leben durch äußere Regeln. Im besten Fall schützt sie den Menschen vor der Willkür anderer und schafft Bedingungen, unter denen Familien leben und arbeiten können. Das ist eine große Aufgabe, an der Regierungen oft genug scheitern.
Doch selbst die gerechteste Ordnung erreicht jenen inneren Ort nicht, an dem der Mensch sich gegen Gott entscheidet. Wir erwarten sehr viel von Politik, manchmal mehr, als sie leisten kann. Für fast jedes menschliche Elend soll eine gesetzliche, pädagogische oder therapeutische Lösung gefunden werden. Manches lässt sich tatsächlich lindern. Trotzdem bleibt der Mensch derselbe verwundbare Mensch, der liebt und verrät, Gutes will und sich dann doch für das Bequemere entscheidet. Ein Gesetz kann Diebstahl bestrafen; von der Gier heilt es niemanden. Auch eine Gesellschaft mit funktionierenden Gerichten und Therapien nimmt einem Schuldigen nicht die Last dessen ab, was er getan hat. Dafür braucht es mehr als eine von Menschen geschaffene Ordnung.
Die Sorge um Gerechtigkeit wird dadurch keineswegs überflüssig. Schon der Prophet Amos verurteilt einen Gottesdienst, der prächtig gefeiert wird, während zugleich das Recht der Armen mit Füßen getreten wird. Gott fordert: „Das Recht ströme wie Wasser, die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach“ (Am 5,24). Der Glaube muss also im Umgang mit anderen Menschen sichtbar werden. Eine Frömmigkeit, die am Unrecht vorbeisieht, ist vor Gott wertlos. Aber Amos zeigt noch etwas: Das Unrecht ist nicht nur ein Fehler im politischen System. Menschen beugen das Recht, weil sie ihren Vorteil suchen und die Not anderer nicht mehr sehen wollen. Darum genügt es nicht, allein die äußeren Verhältnisse zu verändern. Wo der Mensch derselbe Sünder bleibt, findet sein Egoismus immer neue Wege.
Gott will aber mehr, als das Verhalten des Menschen von außen zu begrenzen. Er will sein Herz. Der Mensch soll lernen, das Gute nicht nur aus Angst vor Strafe zu tun, sondern aus Liebe zu Ihm und zum Nächsten. So beginnt das Reich Gottes schon jetzt – verborgen im Leben jener, die Christus glauben und sich von Ihm verändern lassen.
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Das Reich Gottes verschleiern
Wenn das Reich Gottes mit Christus in die Welt gekommen ist, darf die Kirche diese Botschaft nicht für sich behalten. Ihr Auftrag richtet sich nach außen. „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern“, sagt Christus zu den Aposteln. Sie sollen taufen und die Menschen lehren, alles zu befolgen, was Er ihnen geboten hat (Mt 28,19–20).
Der Auftrag ist deutlich. Christus sagt nicht: Wartet, bis die Menschen zu euch kommen. Er schickt Seine Jünger zu ihnen. Sie sollen auch nicht nur von Gott sprechen oder allgemein für ein friedliches Zusammenleben werben. Ihr Ziel ist, dass Menschen zu Jüngern Christi und Kinder Gottes werden. Dazu gehört aber eine Entscheidung: Sich taufen zu lassen bedeutet, aus seinem bisherigen Leben herauszutreten und sich unter die Herrschaft Gottes zu stellen.
Nun scheint der missionarische Auftrag der Kirche in Deutschland schwerzufallen. Sie hat sich daran gewöhnt, dass Menschen durch Herkunft und Kindertaufe ohnehin zu ihr gehören. Über Generationen musste sie kaum missionieren. Der Glaube wurde in den Familien weitergegeben, Kinder wuchsen mit der Messe auf, und selbst viele Kirchenferne kannten das Vaterunser. Diese Wirklichkeit ist erst einmal vorbei. Geblieben sind allerdings Strukturen, die noch immer so arbeiten, als müsste die Kirche hauptsächlich jene versorgen, die längst zu ihr gehören.
Die Zahlen zeigen, wie wenig das noch trägt. Im Jahr 2025 wurden in Deutschland 109.028 Menschen katholisch getauft. Gleichzeitig traten 307.117 aus der Kirche aus. Nur 6,8 Prozent der Katholiken besuchten durchschnittlich die Sonntagsmesse. Die Kirche verliert damit weit mehr Menschen, als sie neu gewinnt. Von einer Weitergabe des Glaubens an die nächste Generation kann vielerorts kaum noch gesprochen werden. Auf diese Entwicklung antwortet die Kirche vor allem mit Verwaltung. Pfarreien werden zusammengelegt, Zuständigkeiten neu verteilt und immer größere pastorale Räume geschaffen. Für all das gibt es praktische Gründe. Nur wird dadurch noch keiner mit Christus bekannt. Man organisiert eine Kirche, deren Gemeinden kleiner werden, und nennt das anschließend Aufbruch. Die Gebäude stehen noch, die Gremien tagen weiter, irgendwo wird ein neues Konzept vorgestellt. Vor der Kirchentür wächst währenddessen eine Generation heran, die mit dem Glauben kaum noch etwas verbindet.
Eigentlich müsste diese Lage eine missionarische Unruhe auslösen. Wenn Menschen Christus nicht mehr kennen, kann die Kirche nicht einfach darauf warten, dass sie eines Tages aus eigener Initiative zur Messe kommen. Sie muss hinausgehen, verständlich vom Glauben sprechen und zur Taufe einladen. Dafür wurde sie ja überhaupt gegründet.
Schenken Sie Berufungen eine Zukunft
Die Priesterausbildungshilfe fördert die Ausbildung von Priestern – besonders dort, wo die Mittel knapp sind. Jede Spende kommt direkt der Ausbildung zugute.
Der eigentliche Anspruch des Evangeliums bleibt leicht auf der Strecke. Christus sucht nicht nur das Gespräch mit dem Menschen. Er ruft ihn: „Folge mir nach!“ Dieser Ruf lässt sich nicht in einen unverbindlichen Austausch auflösen. Mission bedeutet auch nicht, den Glauben aufzudrängen. Der Mensch kann Christus ablehnen, wie Ihn bereits zu Seinen Lebzeiten viele abgelehnt haben. Aber er muss zuerst erfahren, wer Christus ist und was Er von ihm will. Eine Kirche, die aus Angst vor Zurückweisung ihren eigenen Anspruch verschweigt, schützt nicht die Freiheit des Menschen. Sie enthält ihm die Botschaft vor, zu deren Verkündigung sie gesandt wurde.
Dahinter liegt vermutlich die eigentliche Krise. Mission setzt die Überzeugung voraus, dass jeder Mensch Christus braucht. Wenn Er nur eine religiöse Möglichkeit unter vielen wäre, gäbe es keinen Grund, jemanden zur Umkehr oder zur Taufe zu rufen. Dann könnte die Kirche sich darauf beschränken, soziale Projekte zu unterstützen und Menschen in ihren jeweiligen Überzeugungen zu begleiten. Der Missionsbefehl Christi wäre praktisch erledigt. Eigentlich lässt das Neue Testament eine solche Deutung nicht zu. Das Reich Gottes kommt mit Christus. In Ihm begegnet der Mensch seinem Herrn. Deshalb ruft Jesus zur Umkehr. Deshalb ziehen die Apostel nach Pfingsten in Länder, deren Sprachen und Gebräuche ihnen fremd sind.
An dieser Stelle kehrt die Wortwahl vom Anfang zurück. Menschenwürde, Nächstenliebe und Demokratie stehen in einer Reihe, die die politische Ordnung unmerklich in die Verkündigung hineinzieht. Die Demokratie erscheint dann nicht mehr nur als eine mögliche Form des Zusammenlebens, sondern beinahe als Teil der christlichen Botschaft. Das ist sie nicht. Das Reich Gottes kann in einer Demokratie wachsen, doch es ist mit ihr ebenso wenig identisch wie mit einer Monarchie oder irgendeinem anderen politischen System.
Diese Sprachvermischung verändert auch die Sprache des Glaubens. Umkehr meint dann kaum noch die Abkehr von der eigenen Sünde und die Hinwendung zu Gott. Sie wird zu einer politischen Haltungsänderung. Nächstenliebe erscheint vor allem als Zustimmung zu bestimmten gesellschaftlichen Forderungen, und Mission gerät in die Nähe politischer Bildungsarbeit. Am Ende soll die Kirche den Menschen weniger zu Christus führen als zum richtigen Verständnis von Demokratie und Solidarität.
Seltsam, dass gerade deutsche Bischöfe, wenn sie über Demokratie, Solidarität oder gesellschaftlichen Zusammenhalt sprechen, klare Worte finden. Sobald es um die Notwendigkeit der Umkehr geht, wird der Ton vorsichtig und auf einmal unsicher. Von Begegnung ist oft die Rede, von Offenheit und Dialog. Das klingt freundlich und verlangt niemandem viel ab. Man will niemanden verletzen, nicht ausgrenzen und auf keinen Fall den Eindruck erwecken, der katholische Glaube erhebe einen Anspruch auf Wahrheit. So wird aus Rücksicht allmählich Schweigen.
Für einen Menschen, der jahrelang ohne Gott gelebt hat, ist damit nichts gewonnen. Vielleicht trägt er eine Schuld, die er keinem Menschen anvertrauen kann. Die Kirche könnte ihm sagen, dass Christus Sünden vergibt. Sie könnte ihm den Weg zur Beichte zeigen und ihn dort nicht mit einer Theorie, sondern mit der Lossprechung erwarten. Stattdessen erfährt er aus den Nachrichten, welche politische Entwicklung die Kirche begrüßt und vor welcher Partei ein Bischof warnt.
Das mag im einzelnen Fall berechtigt sein. Es beantwortet nur nicht die Frage, weshalb dieser Mensch die Kirche für sein Heil braucht.
Am Ende zeigt sich der Unterschied zwischen einer Kirche, die gesellschaftlich mitredet, und einer Kirche, die missioniert. Die eine bemüht sich darum, in den Debatten der Gegenwart gehört zu werden. Die andere weiß, dass ihr eine Botschaft anvertraut wurde, die kein Staat und kein Verband verkünden kann. Sie spricht von Christus und dem Reich Gottes, weil sie überzeugt ist, dass in Ihm das Heil des Menschen liegt.
Deutschland braucht keine weitere Institution, die bekannte politische Forderungen mit christlichen Begriffen versieht. Es braucht Priester und Gläubige, die wieder erklären können, weshalb Gott Mensch geworden ist, warum der Mensch umkehren muss und was ihm in der Taufe geschenkt wird. Darin liegt der Auftrag der Kirche. Solange sie ihn hinter ihren Mauern verwahrt, bleibt das Reich Gottes für viele Menschen eine Botschaft, die sie nie gehört haben.

Wofür die Kirche da ist
Leicht fällt die Teilnahme an Debatten, deren Begriffe andere vorgegeben haben. Dann wird erklärt, welche gesellschaftliche Entwicklung zu begrüßen und welche politische Bewegung abzulehnen sei. Manchmal ist eine solche Wortmeldung nötig. Sie darf jedoch nicht den Eindruck erwecken, darin erschöpfe sich der öffentliche Auftrag der Kirche.
Denn die entscheidenden Fragen des Menschen liegen noch einmal tiefer. Was mache ich mit einer Schuld, die niemand wiedergutmachen kann? Hat mein Leben einen Sinn, wenn ich nicht mehr arbeiten und leisten kann? Werde ich die Menschen wiedersehen, die ich begraben musste? Und was geschieht mit mir selbst, wenn meine Zeit gekommen ist? An diesen Fragen enden die Möglichkeiten der Politik.
Vielleicht wird die Kirche in Deutschland weiter kleiner werden. Das schmerzt, besonders dort, wo Gläubige einen Teil ihrer Heimat verlieren. Trotzdem wäre der Verlust gesellschaftlicher Größe noch nicht das Schlimmste. Schlimmer wäre eine Kirche, die ihre Häuser erhalten kann, aber vergessen hat, weshalb sie gebaut wurden. Eine Kirche, die öffentlich bekannt bleibt, während Christus in ihrer Sprache immer undeutlicher wird. Dann hätte sie ihren Platz in der Gesellschaft gerettet und dabei ihren Auftrag verspielt.
Am Ende des Missionsbefehls verspricht Christus Seinen Jüngern keinen sichtbaren Erfolg. Er sagt: „Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20). Darauf konnte sich die kleine Gemeinschaft der Apostel verlassen, als sie hinausging. Mehr Sicherheit hatte sie nicht.
Das ist unbequem, gerade für die bequeme deutsche Kirche. Sie kann sich nicht damit beruhigen, auf der richtigen politischen Seite zu stehen. Auch ihr eigenes Reden und Handeln muss sich daran messen lassen, welche Liebe es trägt. Sucht sie Gott und das Heil der Menschen? Oder sucht sie Anerkennung, Einfluss und einen sicheren Platz in einer Gesellschaft, die sich längst von vielen ihrer Glaubenswahrheiten entfernt hat?
Die Menschen hier jedenfalls brauchen keine kirchliche Wiederholung dessen, was sie täglich in Nachrichten und politischen Erklärungen hören. Sie müssen erfahren, dass Gott sie sucht, Sein Reich unter uns ist und wir umkehren müssen.
Dafür ist die Kirche da. Und dafür muss sie wieder hinausgehen.
Über Lukasz Holfeld
Redakteur / Autor bei der Priesterausbildungshilfe.
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