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Der heilige John Henry Newman - Lehrentwicklung, Gewissen und Glaubenssinn

John Henry Newman ist Kirchenlehrer. Seine Theologie erklärt, wie sich die katholische Glaubenslehre entwickeln darf, welche Bedeutung das Gewissen besitzt und welche Verantwortung die Gläubigen tragen.

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Lukasz Holfeld
7 min Lesezeit
Newman Monument
Wikimedia Commons Newman_Monument_2

Heute feiert die katholische Kirche den heiligen John Henry Newman (1801–1890). Der englische Priester und Kardinal wurde am 13. Oktober 2019 von Papst Franziskus heiliggesprochen und am 1. November 2025 von Papst Leo XIV. zum Kirchenlehrer erhoben.

Newman war ursprünglich anglikanischer Geistlicher. Seine intensive Beschäftigung mit der Geschichte und der Lehre der frühen Kirche führte ihn schließlich zum katholischen Glauben. Am 9. Oktober 1845 wurde er in die katholische Kirche aufgenommen.

Seine Theologie beschäftigt sich mit grundlegenden Fragen des katholischen Glaubens: Wie kann sich die Glaubenslehre weiterentwickeln? Welche Bedeutung hat das Gewissen? Und welche Verantwortung tragen die Gläubigen für die Bewahrung des Glaubens?

Portrait of John Henry Newman
Wikimedia Commons Portrait_of_John_Henry_Newman

Die Entwicklung der Glaubenslehre

Die Kirche verkündet seit zweitausend Jahren den Glauben an Jesus Christus. Dennoch finden sich in ihrer Lehre Begriffe und dogmatische Formulierungen, die erst Jahrhunderte nach den Aposteln entstanden sind. Newman beschäftigte sich ausführlich mit der Frage, wie solche Entwicklungen überhaupt zu verstehen sind.

Vorweg: Für ihn gehört Entwicklung zum Leben. Seine Überlegungen fasste er in einem bekannten Satz zusammen: „Hier unten heißt leben, sich zu verändern, und vollkommen zu sein heißt, sich oft verändert zu haben“ (Essay on the Development of Christian Doctrine, Kap. I).

Allerdings kann sich eine Lehre auch in eine falsche Richtung entwickeln. Newman unterscheidet deshalb zwischen einer wirklichen Entwicklung und einer „corruption“, also einer Verfälschung. Eine Glaubenslehre besitzt eine eigene Geschichte, die bei jeder späteren Entwicklung berücksichtigt werden muss. Ihre wesentlichen Grundsätze und ihr ursprünglicher Glaubensgehalt müssen erhalten bleiben (Newman, Essay on the Development of Christian Doctrine, Kap. V).

Das lässt sich am Konzil von Nicäa im Jahr 325 erkennen. Damals stritt die Kirche über die Gottheit Jesu Christi. Arius lehrte, dass der Sohn Gottes nicht in derselben Weise Gott sei wie der Vater. Das Konzil widersprach dieser Auffassung und bekannte Christus als homoousios, als wesensgleich mit dem Vater.

Dieser griechische Begriff steht nirgends im Neuen Testament. Dennoch wurde er in das Glaubensbekenntnis aufgenommen, weil er eine Wahrheit ausdrückte, die bereits zum apostolischen Glauben gehörte. Die Kirche konnte dadurch genauer bestimmen, was sie seit den Anfängen über Jesus Christus glaubte (Newman, Essay on the Development of Christian Doctrine, Kap. IV).

Newman nennt sieben Kennzeichen, anhand derer sich eine solche Entwicklung beurteilen lässt. Dazu gehören die Bewahrung der ursprünglichen Gestalt einer Lehre, die Kontinuität ihrer Grundsätze und die Fähigkeit, neue Erkenntnisse aufzunehmen. Besonders deutlich beschreibt er die Verpflichtung gegenüber der bisherigen Überlieferung: Eine spätere Lehre müsse das Frühere erhellen statt verdunkeln und bestätigen statt korrigieren: „illustrates, not obscures, corroborates, not corrects“ (Newman, Essay on the Development of Christian Doctrine, Kap. V). Entwicklungen, die den bisherigen Verlauf einer Lehre umkehren oder ihm widersprechen, bezeichnet Newman ausdrücklich als Verfälschungen (Newman, Essay on the Development of Christian Doctrine, Kap. V, §6).

Schon Vinzenz von Lérins hatte im fünften Jahrhundert die Entwicklung des Glaubens mit dem Wachstum eines Menschen verglichen. Aus einem Kind wird ein Erwachsener. Die Gestalt verändert sich im Laufe des Lebens, doch es bleibt derselbe Mensch (Vinzenz von Lérins, Commonitorium).

Auch Newman greift auf das Bild organischen Wachstums zurück. Die Kirche kann im Laufe der Jahrhunderte zu einem tieferen Verständnis ihrer Lehre gelangen. Dabei muss sie immer wieder prüfen, ob eine neue Formulierung dem überlieferten Glauben entspricht.

Newman's room in the Birmingham Oratory
Wikimedia Commons Newman2 Newman's room in the Birmingham Oratory

Das Gewissen und der Glaube der Gläubigen

1874 warf der britische Politiker William Ewart Gladstone den Katholiken vor, mit der Definition der päpstlichen Unfehlbarkeit auf dem Ersten Vatikanischen Konzil ihre geistige und staatsbürgerliche Freiheit preisgegeben zu haben. Newman antwortete 1875 mit einem Brief (Letter Addressed to the Duke of Norfolk on Occasion of Mr. Gladstone’s Recent Expostulation).

Aus diesem Text stammt sein berühmter Trinkspruch. Newman schreibt ausdrücklich von der hypothetischen Situation, er sei gezwungen, Religion in einen Tischtrinkspruch hineinzubringen. Er würde natürlich auf den Papst trinken, aber zuerst auf das Gewissen und danach auf den Papst: „to the Pope, if you please,—still, to Conscience first, and to the Pope afterwards“ (Letter to the Duke of Norfolk, Kap. V).

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Für Newman besitzt das Gewissen eine außerordentliche Würde. Er bezeichnet es sogar als „the aboriginal Vicar of Christ“ (Letter to the Duke of Norfolk, Kap. V), als den ursprünglichen Stellvertreter Christi in uns. Denn im Gewissen erfährt jeder von uns eine sittliche Verpflichtung, die uns vor Gott verantwortlich macht (Letter to the Duke of Norfolk, Kap. V).

Diese hohe Stellung hat wenig mit der Vorstellung zu tun, jeder könne selbst bestimmen, was für einen moralisch richtig sei. Newman kritisiert ausdrücklich eine „counterfeit“, eine Fälschung des Gewissens, bei der aus Gewissensfreiheit ein „right of self-will“, ein Recht des Eigenwillens, wird (Letter to the Duke of Norfolk, Kap. V). Seine eigene Formel lautet: „Conscience has rights because it has duties“ – das Gewissen hat Rechte, weil es Pflichten hat (Letter to the Duke of Norfolk, Kap. V). Mit anderen Worten: Der Mensch muss sein Gewissen bilden, nach der Wahrheit suchen und bereit sein, seine eigenen Wünsche und Vorstellungen zu überprüfen.

Deshalb nimmt Newman auch die Möglichkeit eines Gewissenskonflikts ernst. Selbst gegenüber einer konkreten päpstlichen Anordnung kann eine Gewissenspflicht bestehen. Ein solcher Fall verlangt jedoch eine sorgfältige Prüfung und die sichere Überzeugung, dass der Gehorsam gegenüber einer konkreten päpstlichen Anordnung eine Sünde darstellen würde (Newman, Letter to the Duke of Norfolk, Kap. V).

Neben dem persönlichen Gewissen beschäftigte Newman auch der Glaube der gesamten Kirche. Dabei richtete er seinen Blick besonders auf die einfachen Gläubigen und ihre Bedeutung für die Bewahrung der apostolischen Überlieferung.

Newman veröffentlichte im Rambler den Aufsatz On Consulting the Faithful in Matters of Doctrine, auf Deutsch: „Über die Befragung der Gläubigen in Fragen der Glaubenslehre“. Schon der Titel sorgte für Widerstand. Bischof William Bernard Ullathorne beanstandete Newmans Formulierung, weil „consulting“ so verstanden werden konnte, als müsse die Hierarchie der Kirche die einfachen Gläubigen um Rat fragen. Newman erklärte daraufhin, er verwende das Wort im Sinn von „feststellen“ oder „sich nach etwas erkundigen“: Der Glaube der Gläubigen kann als Zeugnis dafür untersucht werden, was in der Kirche tatsächlich geglaubt wird (On Consulting the Faithful in Matters of Doctrine, 1859).

Sein stärkstes historisches Beispiel war die arianische Krise des vierten Jahrhunderts. Zahlreiche Bischöfe gerieten unter politischen und theologischen Druck. Einige unterstützten arianische Positionen, andere verhielten sich unsicher. Gleichzeitig hielten viele einfache Gläubige am Glauben von Nicäa fest. Newman scheute sich nicht, das damalige Versagen zahlreicher Bischöfe zu benennen. In seiner späteren Anmerkung über „The Orthodoxy of the Body of the Faithful during the Supremacy of Arianism“ schrieb er, die Laien hätten während dieser Krise am katholischen Glauben festgehalten und seien „obstinate champions of Catholic truth“, also „hartnäckige Verteidiger der katholischen Wahrheit“, gewesen (The Arians of the Fourth Century, Appendix, Note V).

Damit machte Newman auf den sensus fidelium, den Glaubenssinn der Gläubigen, aufmerksam. Der katholische Glaube wird von der ganzen Kirche getragen. Die Gläubigen empfangen ihn durch die Verkündigung, die Sakramente und das Leben in der Kirche. Ihr Festhalten an der apostolischen Überlieferung besitzt deshalb auch eine Bedeutung für die Geschichte und das Selbstverständnis der Kirche, die nicht übersehen werden darf.

Newman zeigte anhand der arianischen Krise, dass selbst in Zeiten großer kirchlicher Verwirrung die Treue der Gläubigen zum überlieferten Glauben von Bedeutung sein kann.

John Henry Newman 1887 Portrait
Wikimedia Commons John_Henry_Newman_1887_Portrait_Photograph

Warum John Henry Newman als Kirchenlehrer heute wichtig ist

John Henry Newman kannte die Schwierigkeiten, die mit der Suche nach der Wahrheit verbunden sind, aus seinem eigenen Leben. Seine Hinwendung zur katholischen Kirche kostete ihn Freundschaften, gesellschaftliches Ansehen und seine bisherige kirchliche Heimat. Dennoch folgte er der Überzeugung, zu der ihn seine theologischen Studien geführt hatten.

Die Theologie des Heiligen ist auch heute für die katholische Kirche von Bedeutung. Seine Gedanken zur Entwicklung der Glaubenslehre zeigen, nach welchen Kriterien die Kirche neue Fragen beantworten und ihre überlieferte Lehre vertiefen kann. Dabei bleibt die apostolische Überlieferung der Maßstab jeder Entwicklung.

Auch Newmans Verständnis des Gewissens und des sensus fidelium verdient Beachtung. Das Gewissen verpflichtet jeden Katholiken, nach der Wahrheit zu suchen und entsprechend zu handeln. Der Glaubenssinn der Gläubigen wiederum zeigt, welche Bedeutung die Treue zum überlieferten Glauben für die gesamte Kirche besitzt.

Als Kirchenlehrer erinnert John Henry Newman daran, dass die Bewahrung des katholischen Glaubens eine Aufgabe der ganzen Kirche ist. Seine Schriften helfen bis heute, die Grenzen der Lehrentwicklung zu verstehen, das Gewissen richtig einzuordnen und die Verantwortung der Gläubigen für die apostolische Überlieferung ernst zu nehmen.

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Über Lukasz Holfeld

Redakteur / Autor bei der Priesterausbildungshilfe.

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