Glauben wie ein Verrückter – Warum das Christentum irrational wirkt
Auferstehung, Feindesliebe, Jungfrauengeburt und Eucharistie: Warum der christliche Glaube den Verstand herausfordert, ohne ihn außer Kraft zu setzen.

Der christliche Glaube stellt Forderungen, die sich dem gewöhnlichen Denken nicht fügen. Er spricht von der Auferstehung eines Gekreuzigten und davon, dass Vergebung stärker sein kann als Vergeltung. Er bekennt, dass Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist und in der Eucharistie gegenwärtig bleibt. Damit berührt er Fragen, die weder ein Labor beantworten noch eine Rechnung entscheiden kann.
Paulus schreibt von dem, „was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was in keines Menschen Herz gedrungen ist“ und „was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben“ (1 Kor 2,9). Damit beschreibt er keinen Bereich, in dem jeder Gedanke beliebig wäre. Der christliche Glaube hat einen bestimmten Inhalt, er gründet in Gottes Handeln und beansprucht Wahrheit. Deshalb wirkt er für den, der nur gelten lassen will, was sich sehen und prüfen lässt, äußerst fremd.
Der Verstand wird durch den Glauben nicht außer Kraft gesetzt. Er erkennt jedoch seine eigene Grenze. Zwar kann der Verstand die Welt untersuchen, Zusammenhänge erschließen und nach Gründen fragen; er kann Gott aber nicht zwingen, sich seinen Maßstäben zu unterwerfen. Wo Gott sich offenbart, steht der Mensch vor einer Wirklichkeit, die größer ist als das, was er selbst hervorbringen oder beherrschen kann.

Die Auferstehung Jesu Christi und die Zumutung der Feindesliebe
Die Auferstehung Jesu Christi ist der entscheidende Punkt unseres Glaubens. Fällt sie weg, bleibt von Jesus ein bemerkenswerter Lehrer, dessen Leben am Kreuz gewaltsam endete. Sein Ruf zur Umkehr, seine Heilungen und Seine Worte hätten dann eine Geschichte geprägt, doch der Tod hätte über Ihn gesiegt. Paulus zieht daraus eine klare Folgerung: „Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos“ (1 Kor 15,17).
Die Kirche verkündet nun aber, dass Christus auferstanden ist. Sie behauptet damit jedoch nicht, dass Tod und Trauer unwirklich wären. Gerade der christliche Glaube nimmt den Tod ernst, weil Christus selbst ihn erlitten hat. Er ist am Kreuz gestorben, wurde begraben und ist am dritten Tag auferstanden. Dieser Zusammenhang bewahrt die Auferstehung davor, zu einer freundlichen Redensart für schwere Zeiten zu werden. Es geht um Gottes Sieg über eine Macht, der sich jeder Mensch beugen muss.
Als Jesus zu Marta sagt: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt“ (Joh 11,25), spricht Er in die konkrete Trauer um ihren Bruder Lazarus hinein. Marta erhält keine Erklärung, die ihren Schmerz auflösen könnte. Christus führt sie zu sich selbst. In Ihm liegt die Hoffnung, dass das Grab nicht über einen Menschen verfügen darf, als gehöre ihm dessen Leben endgültig.
Daran scheidet sich der Glaube. Die Auferstehung lässt sich nicht herstellen und nicht wiederholen. Sie steht als Ereignis am Anfang der Verkündigung der Apostel, die bezeugten, dem Auferstandenen begegnet zu sein. Wer dieses Zeugnis annimmt, vertraut Gott gegen den Augenschein. Das mag irrational wirken, weil es die Grenze dessen überschreitet, was sich beweisen lässt. Es ist jedoch kein gedankenloser Sprung. Der Glaube hängt an Jesus Christus und an der Frage, ob Gott wirklich die Macht hat, die Er in der Schrift beansprucht.
Seine Macht zeigt sich auch in der Feindesliebe. „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ (Mt 5,44), sagt Jesus. Das Gebot trifft einen empfindlichen Punkt. Verletzung verlangt nach einer Antwort, und Unrecht ruft den Wunsch hervor, der Täter solle die Folgen seines Handelns spüren. Jesus erklärt das Unrecht nicht für belanglos. Er nimmt dem Hass jedoch den Anspruch, das Herz des Verletzten zu beherrschen.
Feindesliebe bedeutet darum keine wehrlose Zustimmung zum Bösen. Sie kann mit klarer Abgrenzung, mit dem Ruf nach Recht und mit dem Schutz der Bedrohten verbunden sein. Doch sie hält daran fest, dass Rache kein Heil schafft. Für den Feind zu beten bedeutet, das letzte Urteil Gott zu überlassen. Und man bewahrt sich davor, dem Hass im eigenen Inneren Raum zu geben. Auch darin zeigt sich eine Ordnung, die menschlicher Berechnung widerstrebt: Das Böse wird nicht dadurch überwunden, dass es in anderer Gestalt weiter- oder zurückgegeben wird.
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Jungfrauengeburt und Eucharistie: Gottes Handeln in der Welt
Die Jungfrauengeburt bekennt, dass die Geschichte Jesu nicht in menschlicher Initiative ihren Ursprung hat. Maria empfängt den Sohn Gottes durch den Heiligen Geist. Das Heil beginnt als Gabe Gottes.
„Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“ (Joh 1,14). Dieser Satz steht so vertraut im Evangelium, dass seine ganze Wucht leicht verloren geht. Der ewige Sohn Gottes nimmt unsere menschliche Natur an. Nicht als Idee kommt Christus in die Welt, nicht als allgemeiner Gedanke über Liebe oder Hoffnung. Er wird ein Kind, lebt in einer Familie, kennt Arbeit, Erschöpfung und Leid. In Jesus Christus tritt der Schöpfer in die Geschichte Seiner Geschöpfe ein. Als einer unter ihnen.
Die Jungfrauengeburt bewahrt zugleich die Wahrheit, dass Jesus mehr ist als ein außergewöhnlicher Mensch. Sein Leben beginnt nicht bei einer menschlichen Herkunft, die sich nachträglich religiös überhöhen ließe. Gott handelt. Darum ist die Menschwerdung auch keine hübsche Weihnachtsgeschichte, deren Bilder man nach Belieben deuten kann. Sie sagt: Gott hat sich wirklich zu erkennen gegeben und ist uns in Christus nahegekommen.
In der Eucharistie setzt sich diese Nähe fort. Christus hinterlässt Seiner Kirche nicht nur eine Erinnerung an das Letzte Abendmahl. Er gibt sich selbst. In der Heiligen Messe werden Brot und Wein durch die Wandlung zu Seinem Leib und Blut. Die äußeren Gestalten bleiben Brot und Wein, doch die Kirche bekennt die wirkliche Gegenwart Christi: Er ist da, mit Leib und Blut, Seele und Gottheit.
Diese Aussage fordert den Glauben in besonderer Weise heraus. Die Sinne erfassen, was auf dem Altar liegt; sie erfassen aber nicht die Wirklichkeit der Wandlung. Deshalb kniet die Kirche vor dem Allerheiligsten nieder. Sie betet nicht ein Stück Brot an. Sie betet Christus an, der Sein Volk in der Eucharistie nicht sich selbst überlassen hat.
Für den katholischen Glauben ist die Eucharistie daher ihre Mitte, weil Christus hier Sein Opfer vergegenwärtigt und sich den Gläubigen zur Speise gibt. In der Kommunion empfängt der Christ den Herrn selbst und wird dadurch in die Gemeinschaft mit Ihm hineingenommen.

Glaube und Vernunft
Der Vorwurf der Irrationalität setzt voraus, dass die Welt in sich geschlossen ist und Gott in ihr nicht handeln kann. Unter dieser Voraussetzung erscheinen Wunder, Offenbarung und Sakramente notwendig als Einbildung oder religiöse Deutung. Der christliche Glaube geht von einer anderen Voraussetzung aus: Gott ist wirklich, und Er hat sich in der Geschichte gezeigt.
Die Frage, ob Gott wirklich handelt, lässt sich nicht wie ein naturwissenschaftlicher Befund klären. Sie steht vor dem Zeugnis der Apostel, vor der Heiligen Schrift und vor dem Glauben der Kirche. Das Zeugnis kann man prüfen, annehmen oder ablehnen. Wer Gott lediglich als menschliche Vorstellung versteht, wird auch Seine Offenbarung so deuten. Wer Ihn als Schöpfer anerkennt, muss mit der Möglichkeit rechnen, dass Er in Seiner Schöpfung auch wirklich handelt.
Wenn das irrational oder verrückt sein soll, dann sind wir Christen eben verrückt. Wir halten daran fest, dass Gott nicht fern über der Welt steht. Er hat in Jesus Christus gehandelt, und Er handelt weiter. Darauf setzen wir unser Leben.
Über Lukasz Holfeld
Redakteur / Autor bei der Priesterausbildungshilfe.
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